Identität im Web: Das Internet wird Erwachsen

In der Diskussion um Identität und Anonymität stellt sich immer mehr die Frage, wie sich Nutzer gegenüber Portalen, Behörden und Angeboten im Internet identifizieren und als vertrauenswürdig erweisen können.

In einem vorangegangenen Beitrag habe ich über den Rückgang der Euphorie gegenüber von Nutzern erzeugten Inhalten (user generated content) geschrieben. Wesentlicher Kritikpunkt war der Umstand, dass Nutzer, zumeist versteckt hinter dem Deckmantel der Anonymität, Grenzen des Erlaubten und gesellschaftlich Geduldeten überschreiten. Von Hasstiraden (wie im erschreckenden Fall der prominenten Bloggerin von Kathy Sierra) bis hin zu verfassungwidrigen Inhalten, schlechter Rechtschreibung und Grammatik und einfach nur Spam, leidet das Medium Internet unter der Möglichkeit völliger Anonymität.

Die Lösung: OpenID, Identity 2.0

Nun gibt es viele Bestrebungen, eine umfassende und allgemein gültige Identifikation von Nutzer durchzuführen. OpenID ist ein bereits funktionierendes Projekt, dass es dem Nutzer erleichtern soll, sich in verschiedenen Portalen mit einer Identifikation anzumelden.

Ein anderer Weg ist der von Dick Hard mit Identity 2.0 in der folgenden grandiosen Präsentation dargelegte Weg: Der Fokus liegt hierbei auf einer eindeutigen Identifikation der Person z.B. gegenüber Behörden im Internet. Eine Art digitaler Ausweis für's Web.

Vergleich analoge/digitale Welt

Jedoch greifen auch diese Bemühungen zu kurz wenn es darum geht, die Qualität von Kommunikation und Interaktion im Internet zu sichern. Zwar lässt sich hier ein Nutzer eventuell identifizieren, es wird jedoch keine Aussage über seine Glaubwürdigkeit, seine Vertrauenswürdigkeit oder in bestimmten Bereichen Kompetenz gemacht. Es handelt sich also um eine wertfreie Identifikation.

Nun ist dies in der realen, physischen Welt zwar nicht anders. Niemand kann anhand meines Ausweises feststellen, ob ich die oben genannten Kriterien erfülle. Jedoch kann ich mir nicht für jedes Geschäft, in dem ich einkaufe oder jede Bibliothek, in der ich Bücher ausleihe, einen neuen Ausweis zulegen. Sobald ich negativ oder nicht-regelkonform auffalle, wird man dies mir stets zuordnen können. Nicht umsonst gibt es Regelungen wie Laden-Verbot und Führungszeugnis.

Erwachsenwerden um zu Überleben

In der physischen Welt hat man als Person eine nachvollziehbare Geschichte. Von der Ausbildung über den Arbeitsplatz, Strafttaten, Verdienste, etc. Ein ähnlicher Mechanismus sollte auch für das Medium Internet umgesetzt werden.

In einem Kommentar zum dem Beitrag über den Rückgang der Euphorie von user generated content heißt es, man solle eine Art "Dienst-Zeugnis" des Nutzers erstellen, mit dem dieser sich in allen Web-Seiten anmelden kann.

Der Clou wäre hier, dass Nutzer, die dies nicht für sich in Anspruch nehmen wollen, von Web-Anbietern und Portalen gegebenenfalls sogar ausgeschlossen werden müssten, um die Qualität der Dienstleistung aufrechtzuerhalten. 

Anonymität am Beispiel Ebay

So kann man sich selbst beim einem der bekanntesten Vertreter des Internet bei negativen Bewertungen von Nutzern jederzeit einen neuen Account anlegen und wieder von null anfangen. Wäre es nicht grossartig und sinnvoll, Vertrauen zu einem Händler/Nutzer haben zu können, weil man seine Referenzen und seine Geschichte in einer Bewertung präsentiert bekommt? Einer Art Karma, das man nicht ohne weiteres ablegen kann...

Sicherlich müsste diese Geschichte anonymisiert sein, so dass die Persönlichkeit der Nutzer geschützt bleibt. Jedoch ist Vertrauen, wie Dick Hard es beschreibt, eine Währung, die auch über abstrakte Konstruktionen (wie auch Papiergeld eine abstrakte Erfindung ist) funktioniert.

Ich denke, dass die Frage nach Identität und Vertrauen und Glaubwürdigkeit in der digitalen Welt des Internet zentrale Frage sind und auch für den Erfolg dieses Mediums von wesentlicher Bedeutung seien werden.

Google Master Plan: Paranoia und Berechtigt?

In einem sehr ansehnlichen Video mit dem Titel Master Plan - About the Power of Google - von zwei Studenten der Uni Ulm wird (und das sicher nicht zum ersten Mal) die Angst vor dem Riesen Google geschürt.

Die Vorwürfe: Daten Sammeln und Privatsphäre

Der zentrale Vorwurf an Google richtet sich gegen das Scannen der Emails und den damit verbundenen Eingriff in die Privatsphäre der Nutzer. So ist es tatsächlich wahr, dass Google, um für den Nutzer relevante Werbung in Googlemail anzeigen zu können, nach Stichworten und Begriffen in deren Emails sucht.

Auch werden Sucheingaben registriert. Wenn man sogar, wie ich, die Google History angeschaltet hat, kann man sich alle jemals eingegebenen Suchbegriffe anzeigen lassen. Und Gmail und History sind nur ein kleiner Teil eines riesigen Produkt-Katalogs, der vom Google Reader (Feedreader) über Picasa (Bildverwaltung) bis hinzu Google Docs (Online Dokumente, Tabellen, Präsentationen) reicht. Um nur einige zu nennen. Übrigens, alles Produkte, die ich sehr gerne und oft verwende...

Google und Gen-Technik

Der neue Vorwurf geht nun noch einen Schritt weiter und unterstellt die Möglichkeit eines kompletten Nutzer-Profils, dass sich aus den Nutzerdaten (s.o.) und darüber hinaus noch aus dessen Gen-Profil zusammensetzt.

Die notwendigen Informationen stammen offensichtlich aus Projekten der molekularen Genforschung, in die Google investiert.

Marktdominanz und Kontrolle

Da Google diese dominante Stellung am Markt inne hat und die Handhabe über all diese Information, scheint es, so die beiden Autoren, nur eine Frage der Zeit, bis sie diese für "böse" Zwecke und somit gegen die Interessen der Nutzer verwenden.

Die Privatsphäre würde sich somit völlig auflösen und ein für alle transparenter Nutzer dastehen.

Paranoia oder Berechtigt?

Ich möchte all den Cassandra-Rufern entgegenhalten, dass auch und gerade Google all seine Entscheidungen nach wirtschaftlichen und pragmatischen Gesichtspunkten wählen wird. Und ohne Nutzer ist Google nicht existent. Sie leben von der Werbung, die sie in der Suchmaschine und in ihren Produkten einbinden.

Sobald diese Nutzerschaft wegbricht, wird auch Google zusammenbrechen. Und zwar deutlicher, als z.B. wenn bei Microsoft einen schlechtes Produkt auf den Markt bringt oder einen fatalen Fehler begeht. Denn Microsoft basiert auf mehreren Geschäftspfeilern. Google derzeit nur auf einem.

Und was geschieht, wenn unvorsichtig mit Nutzer-Daten umgegangen wird, hat der AOL-Skandal vom August 2006 gezeigt, bei dem Informationen von über 600.000 Nutzern frei zugänglich waren. Die öffentliche Reaktion war drastisch und dramatisch. Der Skandal hatte zur Folge, dass AOL noch mehr Werbekunden an Yahoo und Google verlor und als Resultat über 5.000 Angestellte entlassen musste.

Fazit

Daher bin ich (als Google-Power-User zwangsläufig) der Meinung, dass Google an sich nicht per se "böse" sein kann. Ich denke, die Unterstellung "des Bösen" (z.B. "Amerika", "die Konzernbosse", "die Wirtschaft") liegt begründet in einer mangelnden Kenntnis der Sachzusammenhänge und Informationsdefizit. Wenn man Sergei Brin und Larry Page über die Schulter gucken könnte, würde man sicher deutlich entspannter auf Google reagieren können.

Ich freue mich natürlich über anders lautende Kommentare (vor allen Dingen auf Olivers Einwände bin ich gespannt :)

Was denkt ihr?

[Hier findet ihr die Web-Seite des Projekts Google's Master Plan und könnte euch das Video in guter Qualität herunterladen.]

Update: Update: Techcrunch.com bestätigt Google's Investment in ein Projekt der Harvard Universität, in dem bisher unbekannte Krankheiten bekämpft werden sollen. Dafür wird von 100.000 Menschen die DNA sequenziert.

Link: http://www.techcrunch.com/2008/02/29/google-invests-in-dna-sequencing-project/